SONDERSEITE Nahe Zeitung vom 14.01.2006,

 

In den Wäldern rauchte es heftig              

Die Montanindustrie im Hunsrück brachte den Menschen Arbeit - Nur wenige gut erhaltene Relikte sind noch übrig.            

Mehrere große Steinbrüche an der oberen Nahe und im Soonwald sind noch als letzte rentable Unternehmen der historischen Hunsrücker Montanindustrie in Betrieb. An alle sonstigen Sparten des Bergbaus und der Erzverhüttung erinnern nur wenige Monumente sowie jedoch zahllose

Tagebaue, Stollen und Schächte in der gesamten Region.

KREIS BIRKENFELD/REGION. Weithin sichtbar ist der Förderturm der Mangangrube Dr. Geier bei Waldalgesheim. Wie der Quecksilberstollen im Lemberg bei Oberhausen mit seinen vom Ufergestrüpp der Nahe überwucherten Verladeanlagen erinnert er an die Montanindustrie an der oberen Nahe und im Soonwald. Als die offensichtlich attraktivsten Relikte jener vor- und frühindustriellen Rohstoffgewinnung konnten sich das uralte Kupferbergwerk Hosenberg bei Fischbach, die Schiefergrube Herrenberg bei Bundenbach und die Edelsteinminen im Steinkaulenberg nahe Idar-Oberstein/Algenrodt zu touristischen Anziehungspunkten entwickeln.

An Wald und Bächen                                   

Die auf permanente Zulieferung immenser Mengen Holzkohle sowie auf die Wasserkraft angewiesenen Verhüttungsbetriebe mussten möglichst dicht am Rand der großen Wälder und stets neben ergiebigen Bachläufen errichtet werden. Denn sowohl für die Erzwäsche als auch zum Antrieb der Schaufelräder wurde stark strömendes Wasser benötigt. Mithin waren Waldnähe und Wasserreichtum als Grundvoraussetzung sogar wichtiger als die Nähe zu Rohstofflagern und Abbaustätten.  Zugleich erklärt dies die geographische Verbreitung von Hochöfen und Hammerwerken an den Säumen des Hoch- und Idarwaldes sowie auch am Gräfenbach und dem Guldenbach im Soon. Es kam auch deshalb nicht wesentlich auf die Nähe zu bestimmten Erzlagerstätten an, weil die meisten davon nicht besonders ertragreich waren. Manche waren schon nach wenigen Jahren ausgebeutet und wurden alsbald von einem nächsten kurzfristigen "Boom" auf benachbarten Arealen abgelöst.

Um 1632 brausten die Stürme des 30-jährigen Krieges auch über das Birkenfelder Land und ließen es als Wüste zurück. Das Birkenfelder Kirchenbuch berichtet: "1632, die Bursch, die spanischen, haben auf Birkenfeld, im Dorf zu Brücken und dem Hüttenmann auf der Abentheuer alles Vieh weggetrieben. O der Not!' Und 1635, im härtesten Winter flüchtete man vor Kroaten und Ungarn in die Wälder, so die Familie des Hammerschmiedes von der Sägemühle bei Abentheuer. Die Kinder erfroren, die Mutter fiel krank dem Almosen zum Opfer, und der Mann wurde von den Ungarn erschossen." Zum Wiederaufbau des Landes und der zerstörten Wirtschaft brauchte man in erster Linie wieder Eisen.

Am einsamen Nordwesthang des Erbeskopfmassivs erinnert die so genannte Kohlstraße schon durch ihren Namen an die Abhängigkeit der Verhüttung vom Wald: Sie war bereits im Mittelalter eigens für den Transport von Holzkohle zu der Eisenschmelze am Röderbach angelegt worden. Seit dem frühen 14. Jahrhundert wurden dort Erze geschmolzen, und noch bis um 1830 rauchten ungezählte Kohlenmeiler in den damals keineswegs stillen Wäldern. Der Betrieb dieser Schmelze war zwar wenig rentierlich, weil die Erzausbeute am Erbeskopf nur mindere Qualitäten erbachte, die sich allenfalls zur Herstellung von Kanonenkugeln eigneten. Doch für solche Waren gab"s in jenen oft kriegerischen Zeiten freilich mehr Bedarf als genug...                                      Nach einer Stilllegung und Zwangsversteigerung der Schmelze am Röderbach erwarb der erfolgreiche Hüttenherr Johann Heinrich Stumm im Jahr 1747 die dort noch auf Halde liegenden Erze und ließ sie zur Verhüttung in sein Werk nach Abentheuer befördern.

Von erheblich höherem Wert erschien ihm allerdings der Vorrat von 20 000 Klafter Kohlholz, den er gleichfalls abtransportieren ließ. Zurück blieben riesige Rodungsflächen, deren Wiederaufforstung erst 30 Jahre später durch Besamung mit Eicheln unternommen wurde.

Welch einen Raubbau am Hunsrücker Waldbestand die Verhüttungsanlagen im 17. und 18. Jahrhundert verursachten, verdeutlicht ein kurzes Zahlenbeispiel: Damals wurden zur Gewinnung eines Wagens Roheisen mindestens 4,5 Wagen Holzkohle verbraucht. Für diese Brennstoffmenge mussten zuvor 36 Wagen Frischholz verkohlt werden. Dieses Volumen entsprach ungefähr dem 16- bis 18-jährigen Umtrieb auf einer Waldfläche von etwa sechs Morgen (1,5 Hektar).

Schmelze lockt Besucher               Bei Züsch am Oberlauf der Prims, wo von 1610 bis 1835 Eisen geschmolzen wurde, kann ein zu Demonstrationszwecken rekonstruiertes Hammerwerk besichtigt werden. Ebenso locken die Allenbacher Kupferschmelze und eine ähnliche Anlage am Fischbacher Hosenbergwerk bei gelegentlichen Schmelzvorführungen Zuschauer an. In Abentheuer hält der Heimatverein die Erinnerung an die wirtschaftliche Blütezeit der alten Eisenhütte lebendig.                                                                                                                          Nahe Zeitung vom 14.01.2006, Seite 11.

 

Böckings führten auf dem Halberg Regie              

Lange gehörten drei Familienmitglieder gleichzeitig dem Aufsichtsrat der großen Dillinger Hütte an

ABENTHEUER/ASBACH. 1835 übertrug der in der saarländischen Montanindustrie längst etablierte Friedrich Philipp Stumm seine Hunsrücker Hütten seinen drei Enkeln der Familie Böcking: Heinrich Rudolph (1810-71) erhielt die Asbacher, Gustav Adolph (1812-93) übernahm die Abentheuerer, Eduard (1814- 94) betrieb die Gräfenbacher im Soonwald. Sie legten die kleineren Hammer wie Sensweiler, Allenbach und Weitersbach still und bauten die verbliebenen Standorte aus.                                                                       Zunehmend machte den Böckings die ungünstige Lage ihrer Eisenwerke zu schaffen: Ihren Bedarf an Holzkohle konnten sie in den heimischen Wäldern kaum noch decken. Hingegen bezogen die Konkurrenten im Saarrevier auf kurzem Wege Erz und Steinkohle. Schließlich entschlossen sich die drei Brüder, ihre bisherigen Betriebe aufzugeben, was bis 1875 dauerte, und ihre Aktivitäten ebenfalls an die Saar zu verlagern.

Arbeiter zogen mit                                                                 Dort erwarben sie mit ihrer Firma "Gebrüder Böcking" 1867 von ihrem Cousin Carl Ferdinand Stumm die Hal-berger Hütte in Brebach und nahmen die meisten Arbeiter aus dem Hunsrück mit. Nach den immensen Investitionen geriet das Unternehmen durch die deutsche und französische Wirtschaftspolitik finanziell arg in Schieflage.                In dieser Situation sprang Carl Ferdinand Stumm in die Bresche und kaufte 1875 die Halberger Hütte zurück. Als persönlich haftender Gesellschafter wurde sein auf der Asbacher Hütte geborener Schwager Rudolph Böcking (1843-1918), Sohn von Heinrich Rudolph Böcking, Werksdirektor. Mit Weitsicht und Geschick leitete er die Hal-berger Hütte. Der "Geheime Kommerzienrat" folgte dem Freiherrn von Stumm-Halberg nach dessen Tod in den Spitzenfunktionen der Verbände der Saarwirtschaft.      Weiterhin blieben die Böckings den Hütten an der Saar verbunden. Lange gehörten drei Mitglieder der Familie gleichzeitig dem Aufsichtsrat der Dillinger Hütte an. 23 Jahre hatte Kurt Böcking (1886- 1976), ein Enkel von Gustav Adolph Böcking, den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitz inne, ferner war er Präsident des Aktionärsvereins.

41 Jahre Bürgermeister                                              Beruflich schlug er einen anderen Weg ein: Ab 1920 leitete er das Sägewerk A. von Hammerstein. Auch als Bürgermeister von Abentheuer trat er in die Fußstapfen seines Onkels: Von 1923 bis 1964 bekleidete er unentgeltlich das Ehrenamt. Sein Bruder, Herbert W. Böcking (1890- 1976), der in Oxford Nationalökonomie und Jura studiert hatte, führte ab 1932 das Hofgut, die ehemalige Hütte.  Nahe Zeitung vom 18.03.2006, Seite 31.

 

 

Baron überwarf sich mit Bismarck           

Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg beherrschte das Hüttenwesen an der Saar und war mit dem Kaiser eng befreundet             Ein Mann mit Wurzeln in Abentheuer und Asbach prägte die Eisenindustrie an der Saar wie kein anderer und war ein mächtiger Politiker: Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg.

ABENTHEUER/ASBACH. Als einer der "beiden größten deutschen Eisenindustriellen" gilt Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. So nannte ihn jedenfalls der Historiker des deutschen Eisenhüttenwesens, Otto Johannsen, und stellte ihn auf eine Stufe mit August Thyssen, der einen der größten Konzerne Europas ins Leben rief.

Internationaler Einfluss

Neben dem preußischen Bergfiskus avancierte die Dynastie Stumm zum zweiten übermächtigen Arbeitgeber an der Saar. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an dominierte sie nicht nur die regionale Industrie, sondern übte auf nationaler und internationaler Ebene großen Einfluss aus.   Im Hunsrück liegen die Wurzeln des Stahlgiganten: Die Wiege seines Vaters, Carl Friedrich Stumm, stand 1798 in Abentheuer; sein Großvater, Friedrich Philipp Stumm (1751-1835) kam in Asbach zur Welt. Im imposanten Barockbau der Familie am Saarbrücker Ludwigsplatz wurde am 30. März 1836 Carl Ferdinand Stumm geboren.

Sein verzweifelt um die Existenz seiner Hütte in Neunkirchen kämpfender Vater wählte 1848 den Freitod.            Als zweites von acht Kindern und ältester der vier Söhne trat der erst zwölfjährige Carl Ferdinand das Erbe an. Vorerst übernahm sein Onkel und Vormund Carl August Bernhard Böcking die Firmenleitung in Neunkirchen. Nach der Reifeprüfung in Siegen mit 16 Jahren, einer Lehre im Eisenwerk seiner Ahnen und dem Studium der Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft und Eisenhüttenkunde an den Universitäten Bonn und Berlin rückte er am 1. April 1858 an die Spitze des Unternehmens, das er bis 1871 gemeinsam mit Carl Böcking und danach allein führte. Für seine beachtlichen Sozialleistungen verlangte der Patriarch von seinen Arbeitern im Gegenzug Gehorsam und ging ab 1878 gegen SPD-Mitglieder rigoros vor.               Bereits 1859 wurde Stumm in den Aufsichtsrat der Dillinger Hütte berufen, zu dessen Vorsitzendem er 1883 avancierte. Als sich die Erze der Minette-Region in Lothringen und Luxemburg dank des Thomas-Verfahrens, das seit 1881 in Neunkirchen praktiziert wurde, großindustriell zur Stahlproduktion einsetzen ließen, erwarb Stumm gleich die nötigen Konzessionen.                1860 heiratete er seine Großcousine Ida Charlotte Böcking, die von der Asbacher Hütte stammte. Mit seiner Ehefrau teilte er nicht nur den Urgroßvater Johann Adolph Böcking aus Trarbach: Sie war nicht nur die Großnichte seines Großvaters mütterlicherseits, sondern sogar die seines Vaters.      Im Wahlkreis Ottweiler/St. Wendel/Meisenheim, zu dem auch Baumholder gehörte, wurde der freikonservative Industrielle 1867 in den Norddeutschen Reichstag und das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. 1871 konzentrierte er sich auf sein Reichstagsmandat, war einer der führenden Abgeordneten der Deutschen Reichspartei und engagierte sich insbesondere für die Einführung einer Sozialversicherung. Zwischen 1881 und 1889 blieb er aus freiem Entschluss dem Parlament in Berlin fern, da er sich mit Reichskanzler Otto von Bismarck und einem Minister überworfen hatte.

Besuch vom Kaiser                    Von 1877 bis 1880 errichtete sich der mächtige Politiker auf dem Halberg, wo heute der Saarländische Rundfunk seinen Sitz hat, ein Schloss. 1888 wurde der angesehene Freund der Hohenzollern von Kaiser Friedrich III. in den erblichen Adel zum Freiherrn erhoben. Kaiser Wilhelm II. ermächtige ihn 1891, sich Freiherr von Stumm-Halberg zu nennen, solange der Halberg in seinem Besitz ist, und besuchte ihn 1892 auf dem Halberg. Der Eisen- und Stahlbaron starb am 8. März 1901.                                Nahe Zeitung vom 18.03.2006, Seite 31.

 

Das ehemalige "Böckings Schlösschen" - die Aufnahme stammt von 1900 - ist heute das Gästehaus der Halberger Hütte in Saarbrücken, die vor genau 250 Jahren gegründet wurde.